Interview mit Edgar Franco
von Sandro Alex

Sandro Alex:
Wann stellte sich dein Interesse am Zeichnen ein, und welche Comics hast du am liebsten gelesen?

Edgar Franco:
Mein Interesse an Comics geht in die Tage der Kindheit zurück, sogar bevor ich lesen konnte. Mein Vater (ein eingefleischter Leser), kaufte "Comics" für mich. Ein tieferer Bezug zu dieser Kunstform stellte sich aber erst ein, als ich zwölf Jahre alt war und mich für Horror-Comics zu interessieren begann. Überraschenderweise zog ich bereits die Schwarzweiß- Comics vor, und ich begann, Kontakt zum Werk vieler brasilianischer Künstler aufzunehmen wie Shimamoto, Flavio Colin, Mozart Couto. Ich entdeckte die Magazine, die D-Art veröffentlichten, und meine erste Zeichnung erschien in der Leserbriefsparte des Magazins "Calafrio.".

Ich war nicht an Superhelden-Comics interessiert (Marvel u.a.), mochte sie erst von dem Moment an, als in Brasilien die "graphischen Novellen" brillanter Künstler wie Alan Moore, Frank Miller, Grant Morrison und Neil Gaiman erschienen. Später nahm ich Kontakt mit den europäischen Comics auf, wo ich die grenzenlosen Möglichkeiten ihrer Sprache entdeckte. Unter den Künstlern, die ich in erster Linie bewundere, befinden sich Philipe Druillet, Caza und Victor Mesquita, Europäer, deren Stil eine gewisse Ähnlichkeit mit Comics hat, die sich in Brasilien unter der Bezeichnung "poetisch- philosophische Comics" entwickelt haben!

Jetzt sind die Comics, die ich bevorzugt lese, diejenigen der brasilianichen Künstler, die diesem Stil folgen, wie Gazy Andraus, Flavio Calazans, Antonio Amaral, Al Greco und Erika Saheki, deren brillante und innovative Arbeiten leider fast ausschließlich in Fanzines abgedruckt werden.

Sandro Alex:
Wie lange gehörst du jetzt der Szene der unabhängigen Comics an? Was waren deine ersten Arbeiten?

Edgar Franco:
Mein halbes Leben lang... Ich fing 1985 an, mit Zines Kontakt aufzunehmen, und von da an nahm die Abhängigkeit nur zu! Fanzines sind ein Kommunikationsmittel, bei dem Freiheit und Experimentierfreude herrschen, sie sind die Antwort auf idiotische Medien, die nur darum besorgt sind, die Wellen des Konsums zu füttern. In Fanzines existieren keine Vorurteile, Zensur oder Marktinteressen. Sie sind völlig frei von den Gesetzen des Marktes, in ihnen kann sich die Sprache der Comics entwickeln, die Künstler probieren aus, sie schaffen Innovationen ohne die Kastration durch skrupellose Herausgeber! Meine ersten Werke waren, unglaublicher als es scheint, Comics mit starkem Horroranteil, mit einer Menge Gewalt, aber ich mache darauf aufmerksam, daß bereits zu jener Zeit die poetische und philosophische Ader meiner Skripte deutlich wurde.

Das erste Comic, das ich veröffentlichte, trug den Titel "Sohn Luzifers", es kam Mitte der 80er im Zine "Odissey" heraus. Später begab ich mich daran, mein Interesse an Poesie mit dem an Comics zu vereinen, es war ein natürlicher Prozeß, da ich schon immer Gedichte schrieb (seit dem Alter von elf Jahren). Langsam, in einer fließenden Weise, paßten sich meine Comics der poetischen Struktur an, ohne das grundlegende Charakteristikum zu verlieren, eine Geschichte zu erzählen.

Sandro Alex:
Hast Du bereits Werke im Ausland veröffentlicht?

Edgar Franco:
Ja, das meiste in Portugal und Spanien, alles in unabhängigen Publikationen. In Portugal sind es in erster Linie die Prozines "Velvet Voyage", "O VF4o da C1guia", "X-Goto" und "Brave", die meine Werke herausbringen. Aber ich hatte bereits isolierte Beiträge in SF/Fantasy- Magazinen und -Zines verschiedener Länder wie Rumänien, Deutschland, England und Dänemark. Des weiteren fertigte ich CD-Cover für Bands anderer Länder wie Argentinen und Tschechische Republik an. Gegenwärtig habe ich eine Seite im Internet mit meinen Arbeiten, mit der ich meine künstlerische Performance im Ausland zu erhöhen hoffe: http://www.geocities.com/SoHo/Workshop/4166

Sandro Alex:
Was ist deine Ansicht zur Publikation unabhängiger Comics in Brasilien?

Edgar Franco:
Die Fanzines sind das beste Vehikel zur Publikation von Comics, daneben ist ein neues Universum in freier Entfaltung, das Universum der e- Zines, der Zines des Internet, die den Künstlern ein neues Universum der Möglichkeiten eröffnen - wie kolorierte Comics und den Einbau von Soundtracks.

Einige vereinzelte und brillante Initiativen haben das Profil der alternativen Editionen in Brasilien verändert, wie im Falle des Verlags "Mark of Fantasy", geschaffen vom Dozenten Henrique MagalhE3es an der Sorbonne, der zwei reguläre Magazine herausbringt, "Top!Top!" und "Mandala" (das sich der Publikation von okkulten, phantastischen, poetischen und philosophischen Comics widmet), des weiteren veröffentlicht er unpublizierte Alben von Avantgarde-Künstlern, die von anderen Verlagen abgelehnt wurden. Als Autor werde ich mit einem Prozentsatz an Exemplaren der Ausgabe bezahlt, die Edition ist sorgfältig und kreativ, was uns die Ernsthaftigkeit der Verlegers offenbart und die Aufrichtigkeit seiner Vorschläge. Mein Album Agartha wurde von "Mark of Fantasy" verlegt.

Sandro Alex:
In deinen Comics und Illustrationen erleben wir eine starke Präsenz des Kosmisch-Esoterischen; erzählst du uns von deinen künstlerischen und literarischen Einflüssen?

Edgar Franco:
Ich suchte stets nach der Essenz des Menschen, stellte immer die Gründe der Existenz in Frage, und auf meinem Weg (der immer noch am Anfang steht) stieß ich auf Autorem wie Helena Blavatsky, Huberto Rohden, Hermann Hesse, Ouspenski, Aleister Crowley, Gandhi, Budha, Bontempo, William Blake, Omar Khayyam, Krishnamurti, Hermes Trimegistus und Lao-TsE9... In meiner Jugend las ich eine Menge europäische Philosophie, vor allem die Deutschen Nietzsche und Schopenhauer... nicht zu vergessen die Meister des Comics wie Caza und Druillet... Ray Bradburys SF, Aldous Huxley und George Orwell... die Poesie von Poe, Alvares de Azevedo, Augusto dos Anjos, Baudelaire.

Ich werde auch von der Musik beeinflußt, die ich höre, sie ist sehr wichtig für den Schaffensprozeß meiner Werke, dient als Hintergrund für die Ausarbeitung von Comics und Illustrationen. Der Geschmack reicht von progressivem Rock (Uriah Heep, Yes, ELP, King Krimson) über episches und melodisches Metal bis zu Doom, Death und Black Metal (Stile, welche die dunkle Seite unserer Seele bewegen, sie sind aber wichtig für meinen Schaffensprozeß, weil sie den Gleichgewichtspunkt Yin-Yang repräsentieren), ich habe jedoch auch Alben von Bands wie The Doors, Black Crowes und Kraftwerk.

Was Filme betrifft, so liebe ich unter anderem Regisseure wie Ridley Scott, Coppola und Baiestorf (ein großer brasilianischer Tabubrecher). In meiner Malerei stammen die größten Einflüsse von phantastischen Künstlern wie Fussilli, Blake, Bruegel, Roger Dean, H.R. Giger, Klimt, Schiele, Brom ... ich habe bereits zuviele Leute aufgezählt, aber ich glaube, wir Künstler werden von allem beeinflußt, das uns umgibt, nicht nur von dem, was wir mögen...
Der Schaffensprozeß ist eine geheimnisvolle Sphinx! Ich sage immer, daß meine Werke nicht von mir geschaffen werden, sondern von einer kosmischen Kraft, die mich leitet. Für mich beinhaltet die Kunst eine Verbindung mit der Essenz des Universums, wir befreien uns selbst von den Fesseln des Egos!

Sandro Alex:
Beeinflussen architektonische Formen dein Werk?

Edgar Franco:
Der Architekturkurs war eine gute Schulung für die Zeichentechniken, dort konnte ich das Zeichnen mit Wasserfarben, Gravur, Lithographie und graphische Berechnung erkunden, abgesehen davon meine Kenntnisse in Kunstgeschichte vertiefen. Ich betrachte die gegenwärtige Architektur mit einer Menge Verachtung, weil die Menschen der Vergangenheit mit ihren Möglichkeiten und - verglichen mit den heutigen - weit unterentwickelten Techniken eine viel reichhaltigere Architektur als die gegenwärtige schufen, man richte seine Augen nur auf die gothischen Kathedralen, die griechischen Tempel und die Zeremonienstättem der Mayas! Die Architektur verlor mit der mechanistischen Vision, die sich im 20. Jahrhundert in ihrer Brust einnistete... ist sehr arm an Zeichen und Symbolen.

Sandro Alex:
Erzähl uns von deinem Album "Agartha"; was bedeutet der Titel?

Edgar Franco:
"Agartha" ist mein jüngstes und reifstes Werk, ein 64seitiger Comic, der vom Weg eines Mannes zum "ewigen Leben" erzählt, eine tiefe Reflektion über all meine Fragen in bezug auf den Begriff des "post-mortalen Paradieses", ein Begriff, der von zahlreichen Sekten und Lehrmeinungen auf der Welt verbreitet wird, im Orient wie im Okzident. Ich habe keinerlei Ambitionen. messianisch zu sein, arbeite lediglich mit einem Tabubegriff für religiöse Personen - der Punkt, wo die Wahrheiten unglaubwürdig klingen.

Der Name "Agartha" scheint seinen Ursprung in der Bezeichnung zu haben, die von einigen Mystikern einem Ort der Kontemplation gegeben wurde, der verborgenen Stadt des Guten, Tempel der Nichtteilnahme an der Welt, der im Mittelpunkt der Erde verborgen sein soll - eine Art örtlichen Paradieses, das nur durch reinen Geist erreicht werden kann. Der Name des Albums ist eher eine Metapher für seinen Inhalt. Es wurde bei "Mark of Fantasy" veröffentlicht. Die Aufnahme des Albums seitens der Leser und Fachkritiker war sehr gut.

Sandro Alex:
Wie ist deine Arbeitsweise, und welche Materialien benutzt du?

Edgar Franco:
Ich beginne, Comics von einer zentralen Idee her zu skizzieren, die fließt und sich während des Ausarbeitungsprozesses entwickelt. Die gesamte Skizze wird mit Bleistift angefertigt (2b und 6b), auf Papier oder Canson, später benutze ich Federn (0,2; 0,4; 0,5; 0,6 und 0,8) für die abschließende Arbeit, feine Pinsel, weiße Gouache und Nanquim. Im Falle der Illustrationen und Farbcomics sind die eher verwendeten Materialien: Wasserfarben, Farbstifte, Gouache und Deckweiß, das Papier kann spezielles für Wasserfarbe, Verge oder Canson sein. Aber ich probiere stets neue Materialien und Techniken aus, so benutze ich derzeit Photoshop, um einige Illustrationen zu kolorieren!

Sandro Alex:
Man nimmt in deinen Werken die Gegenwart einer starken Symbolik (Uhr, Schmetterling, Pilz etc.) wahr. Welche Bedeutung liegt darin?

Edgar Franco:
Die Symbolik, die mein Werk durchdringt, stellte sich auf eine intuitive und ungezwungene Art und Weise ein, später suchte ich nach der Bedeutung vieler der Symbole, die in meinen Comics und Zeichnungen auftauchen. Ich konnte verifizieren, daß die meisten davon mit dem Prozeß von Geburt und Tod in Beziehung stehen, als Metaphern von Wiedergeburt und Veränderungen im Laufe des Lernprozesses fungieren. Sie symbolisieren alchemistische Evolution (die Suche nach der Quintessenz). Es sind Archetypen des kollektiven Unterbewußtseins.

Sandro Alex:
Danke für das Interview.


Kontaktadresse:

Edgar Franco

Avenida 19 - Número 616 - Ituiutaba - MG
38300 000 - Brasil

eMail: edgarf@iar.unicamp.br
eMail: edgar@mgt.com.br
Homepage: http://geocities.com/SoHo/Workshop/4166