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Der Mythos vom künstlichen Menschen

über Automaten, Roboter, Cyborgs und Androiden

von Dr. Robert Hector


Retorten- und Maschinenmenschen

Die aktuelle Diskussion über embryonale Stammzellen und die damit verbundenen Möglichkeiten der Organproduktion oder gar des Klonens von Menschen führen wieder zum uralten Mythos vom künstlichen Menschen. Der archetypische Roman zu diesem Thema war "Frankenstein, or The Modern Prometheus" von Mary Shelley aus dem Jahre 1818. Der Gelehrte Dr. Frankenstein setzte darin aus Leichenteilen ein Wesen zusammen, das Hilfe von Elektrizität in Form eines Blitzschlages zum Leben erweckt wird.

In der Literaturgeschichte lassen sich die Kunstgeschöpfe in Retorten- und Maschinenmenschen aufteilen, was allerdings angesichts heutiger technischer Möglichkeiten überholt sein mag. Das erste Retortenbaby wurde 1978 geboren (Louise Brown), im Jahr 1997 wurde das Schaf Dolly geklont. Und im Februar 2001 wurde die Buchstabenfolge des kompletten menschlichen Genoms veröffentlicht. In Deutschland entbrannte eine Diskussion um die Folgen der Biomedizin und Gentechnik: Darf alles, was machbar ist, auch gemacht werden? Menschenwürde und grundlegende Wertvorstellungen stehen in Opposition zu den ökonomischen Versprechungen der neuen Technologien. Sollten Grenzen für die Gentechnik gezogen werden?

Auf der anderen Seite führen rasante Entwicklungen in den Neurowissenschaften, der Robotik, der Nano- und Computertechnologie Computerwissenschaften dazu, daß der uralte Menschheitstraum des Maschinenmenschen scheinbar kurz vor seiner Realisierung steht. Wird der durch Gehirnimplantate, Neurochips, Sensoren und künstliche Körperprothesen vervollkommnete Mensch eine Art Homo superior darstellen, oder sollte die nächste Stufe der Evolution eine Maschinenintelligenz sein, die den Homo sapiens ablösen wird?

Auf Stanley Kubrick, dem Regisseur des technophilosophischen Meisterwerks "2001 - Odyssee im Weltraum", geht die Grundidee des Films "A.I" (Artificial Intelligence) zurück, der im Jahr 2001 von Steven Spielberg realisiert wurde. Im 21. Jahrhundert hat der Treibhauseffekt zum Schmelzen großer Teile der polaren Eiskappen geführt. Massive Überschwemmungen bekannter Landstriche waren die Folge. Um mit den Auswirkungen dieser Naturkatastrophe klarzukommen, erschufen die Menschen eine neue Form künstlichen Lebens, das sich seiner Existenz bewußt ist. Der kleine David wird in Ereignisse verwickelt, die Fragen über seine Identität und die Zukunft der Menschheit aufwerfen.

Historische Wurzeln

Der Mythos vom künstlichen Menschen hat den Homo sapiens seit Urzeiten beschäftigt. In der Genesis erschuf Gott den Menschen nach seinem Urbilde, und die Erzeugung von Adam und Eva fand in den Phantasie der Menschen ihre Entsprechungen: Homunculus, Golem oder Frankenstein.

Seit Platon nahmen die Erfinder unter Zuhilfenahme verschiedenartigster Techniken die Herausforderung an, die physischen und mentalen Prozesse im Menschen nachzubilden. Bereits die griechische Sage erzählt vom Metallmann Talos, der die Insel Kreta bewachte. Archytas von Tarent (um 400 v.Chr.), ein Freund Platons, entwarf eine Taube, deren Bewegungen von einem Dampfstrahl oder von komprimierter Luft gesteuert wurden. Zu gleichen Zeit gab es in China raffinierte Automaten, darunter ein ganzes mechanisches Orchester.

Um 200 v.Chr. erschuf ein ägyptischer Ingenieur mit einer verbesserten Wasseruhr den genauesten Zeitmesser der folgenden 2000 Jahre. 725 wurde in China die erste mechanische Uhr gebaut, in Europa gab es solche Konstruktionen ab 1310. Die Entwicklung der Uhrwerkstechnik in der europäischen Renaissance und im Barock brachte noch weit kunstvollere Automaten hervor, darunter Puppen, deren Bewegungen bemerkenswert lebensecht waren. Berühmte Beispiele sind die Mandolinenspielerin, die Giannello Torriano im Jahr 1540 baute, und das von P. Jacquet-Droz 1772 konstruierte Kind, das ganze Textpassagen mit einem echten Füllfederhalter schreiben konnte.

Der Begriff "Android" leitet sich aus dem Griechischen her und bedeutet so viel wie "des Menschen Abbild". Im 17. und 18.Jahrhundert bauten kunstreiche Uhrmacher den Menschen nach: die Kunstwesen konnten schreiben und musizieren. Das mechanische Weltbild der damaligen Zeit lieferte die theoretischen Grundlagen für deren Konstruktion. Der Mensch stellte nach Ansicht des aufgeklärten Materialismus ein mechanisches System dar, welches den Gesetzen der Physik gehorchte.

Im Zeitalter der Vernunft waren Descartes und La Mettrie der Ansicht, der Mensch sei eine Maschine, die irgendwo denkt. Während nach Descartes der Mensch sowohl über eine "Körpermaschine" (res extensa) als auch über eine Seele göttlichen Ursprungs (res cogitans) verfügt, ging der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) davon aus, daß es lediglich ein - nach mechanischen Regeln organisiertes - Seinsprinzip gebe. Für seine 1748 erschienene Abhandlung "Der Mensch als Maschine" waren die kunstvollen Androiden des Jacques de Vaucanson Vorbild. Dieser hatte unter anderem automatische Flötenspieler konstruiert. Neben Vaucansons mechanischen Meisterwerken entstanden eine Vielzahl von sich bewegenden Spielzeugpuppen und -geräten, so die Miniaturkutschen eines François-Joseph de Camus oder die wunderschönen Androiden von Pierre und Henri-Louis Jacquet-Droz.

Mechanische Flötenspieler und Geiger kamen jedoch bald aus der Mode, und im Zeitalter der Romantik erzeugte der Gedanke an Automaten bei vielen Dichtern Alpträume. So geschehen bei Jean Pauls "Frau von bloßem Holz" oder bei E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" mit der verführerisch tanzenden Puppe Olympia. Freilich spielte in der Angst vor dem Automaten inzwischen die Angst vor den Maschinen mit: sie bedrohen den Menschen durch ihre potentielle Überlegenheit und zwangen ihm einen neuartigen Arbeits- und Lebensrhythmus auf. Der damit verbundene Freiheitsverlust ließ die Menschen in den Augen vieler Romantiker wiederum als Automaten erscheinen.

Rabbi Löw erschuf in Prag den Golem aus Lehm; in Gustav Meyrinks Roman wurde er zum alptraumhaften Doppelgänger des Menschen. An dessen (virtuellem) Grab kommt Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, zu tröstlichem Beschluß: Der "dem fremden Willen bedingungslos untertane und für fremden Nutzen arbeitende Menschenautomat sei nun "unwiederbringlich" bestattet."

Die Macht der Roboter

Doch der tschechische Dramatiker Karel Capek brachte die ferngesteuerten Automaten wieder ins Bewußtsein der Menschen. In dem "Utopistischen Kollektivdrama" mit dem enigmatischen Titel "RUR", im Januar 1921 am Prager Nationaltheater uraufgeführt, tauchte zum ersten Mal ein "Roboter" auf. In der amerikanischen Firma "Rossum`s Universal Robots" (RUR) wurden auf biochemischem Wege künstliche Wesen für Sklavenarbeiten fabriziert. Der Name dieser "Roboter" leitete sich aus dem tschechischen Wort für "Fronarbeit", "robota", ab.

Diese Roboter sollten die Arbeiter von industrieller Plackerei befreien und allerhand Dienstleistungen übernehmen. In vielen Filmen packte diese Wesen allerdings irgendwann ein menschliches Sehnen, woraufhin sie allerlei Unheil anrichteten, bevor sie gebändigt wurden. Ein uralter Mythos - das als Diener konstruierte Geschöpf kehrt sich gegen seinen Schöpfer - taucht hier in einer technischen Variante auf.

Um einem solchen Roboteraufstand vorzubeugen, ließ Isaac Asimov in seinen SF-Geschichten den Maschinenwesen bereits während der Konstruktion und Programmierung Sicherungen einbauen: er postulierte die Drei Grundregeln der Robotik. Oberstes Gebot war dabei der Schutz des Menschen.

In Robert A. Heinlein`s Geschichte "Waldo" aus dem Jahre 1942 erbaut ein körperbehinderter Ingenieur künstliche Augen und Hände für sich, die ferngesteuert alle seine Arbeiten verrichten können. Heute verwendet man "Waldos" im Umgang mit gefährlichen Stoffen, in der Chemie, in der Virologie, in der Atomtechnik, aber auch unter Wasser oder in Bergwerken. Mittels "Telematik" oder "Telepräsenz" werden eines Tages ferngesteuerte Roboter im Innern von Vulkanen oder auf anderen Planeten eingesetzt werden.

Bald bevölkerten Industrieroboter mit programmierbaren Greifwerkzeugen die Fabrikhallen vor allem der Automobilindustrie, und die Militärs dachten über die Konstruktion von Kampfrobotern nach. 1962 brachte die Firma AUS die ersten Industrieroboter auf den Markt. Ab Anfang der 80er Jahre bewegten sich Roboter mit fünf oder sechs Freiheitsgraden und wurden zum Schweißen und Lackieren in der Industrie eingesetzt. Japan wurde führend in der Roboterherstellung. In vollautomatisierten Automobilfabriken arbeiteten Roboter mit einem gewissen Maß an Sehvermögen, Tastsinn und sogar Intelligenz.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert wurde zunehmend an der Entwicklung neuartiger autonomer Robotsysteme gearbeitet. So berichteten die beiden US-Wissenschaftler Hod Lipson und Jordan Pollack in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (406, 2000, 974) in dem Artikel "Automatic Design and manufacture of robotic lifeforms" über die Entwicklung eines Computerprogramm, welches selbständig Hunderte von Roboter-Entwürfen erarbeitet, sie testet und die besten Modelle ohne menschlichen Eingriff herstellt - der lang erwartete erste Schritt zum Traum der sich selbst entwickelnden Maschine.

Mensch und Maschine

Automaten, Roboter und Computer ersetzen zunehmend bisher vom Menschen geleistete mechanische und mentale Tätigkeiten; diese Entwicklung führt zu gewaltigen Veränderungen im gesellschaftlichen und sozialen Leben. Aber lassen sich alle Funktionen des menschlichen Körpers und Geistes durch Maschinen simulieren? Wird die zukünftige technische Entwicklung, Miniaturisierung der Mikrochips, parallele Rechner, neuronale Netze oder die Nanotechnologie, irgendwann den Bau umfassender intelligenter Maschinen ermöglichen?

Erforscher der Künstlichen Intelligenz wie Marvin Minsky und vor allem der Robotikwissenschaftler Hans Moravec prophezeien eine postbiologische Epoche. So heißt es in Moravec`s Buch "Mind Children: "Unser versagendes Gehirn kann Bit für Bit durch überlegene elektronische Äquivalente ersetzt werden. Unser Geist wird von unserem ursprünglichen biologischen Gehirn in eine künstliche Hardware verpflanzt werden... Und zu dem Zeitpunkt, an dem alle wichtigen körperlichen und geistigen Funktionen ihr künstliches Pendant gefunden haben, wird sich der Mensch in einer evolutiven Konkurrenzsituation zu intelligenten Robotern befinden, die sich selbst vervollkommnen und reproduzieren."

Die Science Fiction hat solche Szenarien bereits vorweggenommen: die Cyborgs in Filmen wie "Robocop" und Romanen wie "Man Plus" (Frederic Pohl), und intelligente Roboter in Geschichten wie "Second Variety" (Philip K. Dick; verfilmt als "Sreamers"), in Fernsehserien wie Star Trek ("Data") und Filmen wie "Terminator" oder "Blade Runner". Die Nexus-6-Androiden aus "Blade Runner" konnten nur durch bestimmte Tests entlarvt werden. Und da gab es noch den von Yul Brunner gespielten Robot-Revolverhelden in dem Film "Westworld".

Daneben entwarfen Wissenschaftler bereits Pläne für eine Symbiose von Mensch und Maschine: der biologische Körper und das Gehirn werden in Computersysteme integriert. Science Fiction - Autoren wie William Gibson und Bruce Sterling führten in ihren Cyberpunk-Romanen vor, wie Gehirne direkt mit Computer verbunden werden. Mit Kopfhelmen, Datenhandschuhen oder Ganzkörperanzügen versehen, tauchten die Cyber-Ritter in virtuelle Welten. Das menschliche Bewußtsein verschmolz mit der digitalen Datenmatrix eines Computernetzwerks. Die Entwicklung des Cyberspace, einer virtuellen elektronischen Landschaft, in die sich Menschen per Interface einkoppeln können, führte zu einem neuen Verständnis von Realität. William Gibsons Roman "Neuromancer" stellte den Beginn der Cyberspace-Kultur dar, nachdem zwei Jahre vorher bereits in dem Film "Tron" mit dieser Thematik experimentiert wurde. Später wurde das Thema in Filmen wie "Der Rasenmäher-Mann", "Das Netz", "Johnny Mnemoncic" oder "Hackers" abgehandelt. Ist vielleicht die ganze Welt eine gigantische Computersimulation, wie es Daniel Galouye in seinem Roman "Simulacron-3" (verfilmt als "Welt am Draht") nahelegt? Die ultimative Version dieses Themas wurde in dem Film "Matrix" dargestellt: Die Welt ist nur eine komplexe Illusion in unseren manipulierten Gehirnen. Perfektionierte Maschinen haben die Menschen in einem Cybergefängnis versklavt; die programmierte Realität der "Matrix" täuscht eine künstliche virtuelle Wirklichkeit vor. Die Menschen werden von gewaltigen Computern als lebende Batterien mißbraucht. Um ihre "Energiereserven" ruhigzustellen, haben die Maschinen ein unvorstellbar komplexes Programm entwickelt, das den in riesigen, Wespennestern nicht unähnlichen Waben vor sich hinvegetierenden Humanoiden ein normales Leben vorgaukelt: die Matrix.

Und dann gab es noch neurotechnologische Visionen, in denen der Körper durch Prothesen, Sensoren oder Brainchips umgestaltet wurde. Forscher arbeiten bereits an künstlichen Sinnesorganen wie Cochlea- und Retina-Implantate, Mikrochips unter der Schädeldecke oder der Steuerung technischer Systeme durch Gedankenbefehle - hat das Zeitalter des bionischen Lebens, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, bereits begonnen? Ob der Mensch von außen an eine Maschine angeschlossen wird oder ob Maschinen in ihn hineinwandern: die Menschen müssen sich darauf vorbereiten, Bestandteile von immer komplexeren Mensch-Maschine-Systemen zu werden, und lernen, ihre Körper mit dem Maschinenrhythmus zu synchronisieren. Aber war das nicht die gleiche Abhängigkeit des Menschen von der Maschine, wie sie bereits in Filmen wie "Modern Times" oder "Metropolis" demonstriert wurde? Und standen am Endpunkt dieser Entwicklung alptraumhafte Maschinenmenschen wie die "Borg" aus dem Star Trek-Universum, die als Kollektivintelligenz denken und alles Leben im Kosmos zu assimilieren versuchen? Ist die Erde der Zukunft von solchen technisch-biologischen Zwitterwesen bewohnt?

Künstliche Intelligenzen?

Am 11.Mai 1997 unterlag der amtierende Schachweltmeister Garri Kasparow dem IBM-Supercomputer Deep Blue in einem aufsehenerregenden Match. Das Duell Mensch gegen Computer hatte fast symbolischen Charakter: Droht uns die Machtübernahme von hyperintelligenten Maschinen, die so gut wie jede Funktion eines biologischen Systems, auch die des menschlichen Verstandes, übernehmen können?

Der Kampf Kasparow gegen Deep Blue erinnerte viele Science Fiction - Fans an die Auseinandersetzung zwischen dem Superrechner Hal und der Besatzung des Raumschiffs Discovery in dem Film "2001 - Odyssee im Weltraum". Die Astronauten vertreiben sich die 18 Monate dauernde Expedition zum Jupiter mit Schach gegen allwissenden Bordcomputer. "Dame auf f3, Läufer schlägt Dame, Springer schlägt Läufer - matt." Frank Poole verliert hier ein Schachduell, wenig später kappt ihm der Computer auf einem Weltraumspaziergang per Roboterarm den Luftschlauch. Kurz darauf sperrt Hal dem Astronauten David Bowman aus dem Schiff aus ("Ich kann nicht zulassen, daß du die Mission gefährdest) und läßt die Lebensfunktionen der im Kälteschlaf konservierten übrigen Besatzung erlöschen. Erst in einem dramatischen Showdown gelingt es David, dem neurotischen Rechner den Hauptspeicher zu zerpflücken - Hal kann sich kurz vor seinem Exitus nur noch an ein Kinderlied erinnern.

Die Simulation kognitiver Fähigkeiten und die daraus resultierende Imitation des menschlichen Geistes stellen einen uralten Menschheitstraum dar, dessen Realisierung im Computerzeitalter möglich scheint. Kann Künstliche Intelligenz in einer nichtbiologischen, parallel-assoziativ arbeitenden Maschine, die aus mikroelektronischen oder optischen Komponenten aufgebaut ist, erzeugt werden?

1941 wurde der erste elektronische Computer erfunden und somit der Grundstein gelegt für die Umsetzung von Ideen zur künstlichen, maschinellen Intelligenz in die Praxis. Lange Zeit beinhalteten die Computer der realen Welt sequentielle Prozessoren, die eine gestellte Aufgabe sukzessive, Schritt für Schritt, erledigten (Rechner mit einer "von Neumann-Architektur"). Später wurden parallelverarbeitende Computer erprobt, die eine Aufgabe in mehrere unabhängige Teilschritte zerlegten, wobei dann mehrere Prozessoren gleichzeitig ihre Teilaufgaben lösten. Prototypen von Parallelrechnern waren die SIMD-Maschine, die Connection-Maschine und die Hypercube-Maschine.

Bereits in den 40er Jahren wurde versucht, mit mathematischen Modellen über elektrische Erregungsausbreitungen in neuronalen Netzwerken Fähigkeiten des Gehirns zu simulieren. Am Anfang standen 1943 Untersuchungen von Warren McCulloch und Walter Pitts an Neuronen als logischen Elementen. Sie wiesen nach, dass ein Minumum an Informationsverarbeitung durch einzelne Nervenzellen ausreicht, um für jede beliebige Aufgabe ein neuronales Netzwerk konstruieren zu können, welches die Aufgabe bewältigt.

1949 stellte Donald Hebb die Hypothese auf, dass das biologische assoziative Gedächtnis in den synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen lokalisiert ist. Der Lernprozeß und die Erinnerungsspeicherung hängen damit zusammen, dass die Stärke der Nervensignalübertragung über einzelne Synapsen verändert wird. Eine synaptische Verbindung zwischen zwei Neuronen wird immer dann verstärkt, wenn beide Neuronen gleichzeitig aktiv sind.

Der Beginn der Forschung zur Künstlichen Intelligenz kann in das Jahr 1950 datiert werden. Alan Turing verfasste einen grundlegenden Aufsatz mit dem Titel "Computing machinery and intelligence" ("Rechnende Maschinen und Intelligenz"), in dem er den Turing-Test entwickelte. Durch dieses Test sollte herausgefunden werden, ob eine Maschine Intelligenz hat.

Als "Vater" der Künstlichen Intelligenz gilt John McCarthy, der 1956 eine Konferenz organisierte, auf der Wissenschaftler diesen neuen Forschungszweig diskutierten.

In den folgenden Jahren wurde versucht, mit einem umfassenden Programm sozusagen alle anfallenden Probleme dieser Welt zu lösen. Natürlich war diesem Programm "General Problem Solver" kein Erfolg beschieden, aber die beteiligten Wissenschaftler erkannten, dass große Datenbanken für die KI-Programme erforderlich waren.

Die Versuche, den Computer die Umgangssprache verstehen zu lassen, gipfelten in dem Programm ELIZA von Joseph Weizenbaum, welches die Unterhaltung eines Psychiaters mit seinem Patienten simulierte.

Die KI-Forschung wurde in verschiedene Zweige aufgeteilt. Es ging um das Erkennen, Identifizieren und Verarbeiten von Zeichen, Formen und Buchstaben, um die Mensch-Computer-Kommunikation mittels der natürlichen Sprache und Forschungen über Informationsdarstellung und -verständnis. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde 1972 das Programm SHRDLU von Terry Winograd entwickelt, welches in der Lage war, sich in einer Welt aus verschieden geformten Bauklötzen zurechtzufinden. Mit dem Programm MACSYMA, ebenfalls am MIT entwickelt, konnten mathematische Probleme gelöst werden.

Um 1980 wurden Expertensysteme entwickelt, die über ein umfangreiche Wissensbasis verfügen und diese sinnvoll durch Verknüpfung verschiedener Aspekte einsetzen können. Ein Vorreiter hierzu war das Programm MYCIN zur Diagnose bakterieller Erkrankungen.

In den letzten Jahren hat sich das Angebot kommerzieller Software, das Elemente der Künstlichen Intelligenz beinhaltet, vermehrt. Datenbankprogramme werden immer "intelligenter" und ermöglichen das automatische Auffinden von "optimalen" Wegen zu einem vorgegebenen Ziel.

Derzeit konzentriert sich die KI-Forschung auf folgende Ziele: strategische Spiele, visuelles Erkennen, Spracherkennung, Verständnis der natürlichen Sprache, Übersetzungen, Expertensysteme und Roboter.

Am MIT entwickelten Rodney Brooks und seine Mitarbeiter den Roboter COG. COG hat "Augen" in Form von beweglichen Kameras, dazu "Ohren" und einen "Gleichgewichtssinn". Das Gesamtsystems des Roboters enthält keine zentrale Einheit, die jede seiner Gliedmaßen und Sinnesorgane steuert; vielmehr bildet jedes Einzelteil ein in sich abgeschlossenes System, welches durch eigene Prozessoren gesteuert wird. Zusammenhängende Basiselemente werden jeweils durch ein Computerboard gesteuert, wobei jedes dieser Boards mit bis zu acht weiteren vernetzt werden kann. Auf diese Weise entsteht ein komplexes System, in welchem die Koordination der einzelnen Fähigkeiten und Aktionen nur durch wenige äußere Größen von außen gesteuert wird. Der Roboter soll kompliziertere Bewegungsabläufe durch Anwendung geeigneter Algorithmen selbständig erlernen.

Der Weg zu einem "menschlichen" Computer oder Roboter ist noch weit. Die Simulation formaler Intelligenzleistungen dürfte zumindest prinzipiell in immer perfekterer Weise möglich sein. Aber sind damit bewußte Zustände verbunden?

Es stellt sich die Frage, warum wir auf der Basis eine organischen Gehirns ein Bewußtsein haben. Was unterscheidet Schaltkreise aus Kohlenstoff und Neuronen von denen aus Silizium und Mikrochips? Könnten wir nicht auch als ein geistloser Homunculus in der irdischen Umwelt überleben, wäre eine Welt von Androiden vorstellbar, die auch "Kultur" hat?

"Intelligente" Roboter wird es wohl geben, aber Roboter mit Bewußtsein - das ist wohl ein Scheinproblem. Was unterscheidet echtes von simuliertem Bewußtsein? Es gibt keine wissenschaftliche, objektive Methode, das Bewußtsein, die Subjektivität einer Maschine zu beurteilen. Schaltkreise und Rückkopplungsschleifen stellen die Hardware der Maschine dar, ähnlich wie neuronale Netze und synaptische Verdrahtungen die Hardware des Gehirns sind. Doch wir Menschen werden mit den maschinellen Konstrukten kommunizieren, als hätten sie Bewußtsein.

Homo replicatus

Die Kunstmenschen spiegeln den jeweiligen Stand der technischen Entwicklung wider. Verschiedenartigste Motivationen - politische, ökonomische, medizinische - veranlaßten die Hervorbringung von Retorten- oder Maschinenmenschen.

Der Homunculus der Alchimisten war nicht mehr als ein Gedankenexperiment, gleichbedeutend mit dem "Stein der Weisen" oder dem "Elixier des Lebens", dennoch führte die Idee zu Verfahrungsweisen und Apparaturen, die noch der empirischen Naturwissenschaft von Nutzen werden sollten. Goethe griff für die Menschenfabrikation im mittelalterlichen Laboratorium seines "Faust II" von 1832 auf das Werk der Alchimisten zurück. Im Zeitalter der Industrialierung waren dann je nach Entwicklungsstand Hydraulik oder Elektronik die Basis für die Entwicklung von Automaten und Robotern. Heute basiert die artifizielle Simulation und Reproduktion des Menschen auf der Verschmelzung von Informationsverarbeitung und Gentechnik. Die Kernelemente der Molekularbiologie lassen sich als "Nachrichten" begreifen, die empfangen, gespeichert und entschlüsselt werden können.

So besteht zwischen Industriemaschinen und Androiden ein produktionstechnischer Zusammenhang. Vor dem Hintergrund der reproduktionsmedizinischen Praxis und der gentechnologischen Fortschritte findet heute eine weitere "industrielle Revolution", bei der der behandelte Rohstoff der Mensch ist. Durch das Zusammenwachsen Bio- und Informationswissenschaften wird es möglich sein, den Menschen zu verändern.

Doch würden wir mit der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik nicht zu Gefangenen einer Fortschrittsvorstellung werden, die den perfekten Menschen als Maßstab hat? Würden damit nicht Auslese und schrankenlose Konkurrenz zum obersten Lebensprinzip? Das wäre eine völlig andere, das wäre eine neue Welt - jedoch keine schöne. In der schönen neuen Welt von Aldous Huxley beginnt die Produktion des idealen Menschen mit der kontrollierten Entwicklung von Embryos in künstlichen Gebärmuttern. In Brutanstalten werden die Embryos durch veränderte Sauerstoffzufuhr und Behandlung mit Giften physisch und psychisch konditioniert; es entstanden mehrere Kasten, deren Mitglieder durch ihre jeweiligen Fähigkeiten zu verschiedenen Aufgaben und Arbeiten herangezogen wurden. Durch Kloning wurde die Individualität innerhalb jeder Kaste reduziert. Huxley beschrieb diese Vorgänge so: "... Dann kamen die befruchteten Eier zurück in die Brutöfen, wo die Alphas und Betas bis zur endgültigen Abfüllung in der Flasche blieben, während die Gammas, Deltas und Epsilons schon nach sechsunddreißig Stunden herausgenommen und dem Bokanowsky-Verfahren unterzogen wurden... Ein bokanowskysiertes Ei knospst und sprosst und spaltet sich. Acht bis sechsundneunzig Knospen - und jede Knospe entwickelt sich zu einem vollausgebildeten Embryo, jeder Embryo zu einem vollausgewachsenen Menschen. Sechsundneunzig Menschenleben entstehen zu lassen, wo einst nur eins wuchs: Fortschritt."

Das größte Geheimnis der Natur, die "Ursache allen Lebens", zu lösen, das war Frankensteins erklärtes Ziel. Wir kennen das Ende der Geschichte: der Schöpfer wird zum Opfer seines Geschöpfes.

Andererseits: Mit der permanenten Verbesserung der Replikate und Simulationen stellt sich die Frage nach dem, was den Menschen ausmacht - und was eben nicht technisch herzustellen oder nachzuahmen ist.


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© Dr. Robert Hector
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