| Faszination Science Fiction von Dr. Robert Hector |
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Science Fiction - das ist Hugo Gernsback`s Magazin "Amazing Stories", Alfred Bester`s Roman "The Stars my Destination", Stanley Kubrick`s Weltraumepos "2001 - A Space Odyssee" oder Roland Emmerichs Invasionsfilm "Independence Day" - aber damit wäre die Geschichte des Genres sicherlich zu kurz gefaßt. Es wäre zwar übertrieben, das Gilgamesch-Epos oder Dantes "Göttliche Komödie" als SF zu bezeichnen, aber spätestens seit den Erzählungen von Jules Verne und H.G. Wells existiert dieses Literaturgenre, das sich die Entwicklung von Wissenschaft und Technik und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft zum Thema machte. Die industrielle Revolution, die zunehmende Bedeutung der Elektrizität, die Fortschritte im Verkehrs- und Kommunikationswesen, die Atombombe, die Entschlüsselung des genetischen Codes, die erste Mondlandung, der PC, das Internet - die Welt veränderte sich in den letzten zweihundert Jahren grundlegender als in den vier Millionen Jahren menschlicher Existenz seit dem Aufkommen des Australopithecus vorher. Diese Entwicklung stellte sich in den Augen der Menschen ambivalent dar: auf der einen Seite die Hoffnung auf ein durch diese Technik zu erschaffendes Paradies auf Erden, auf der anderen Seite die Angst vor den negativen Auswirkungen einer solchen Technologie, die zur Bedrohung der Menschheit und der Erde werden konnte. Jules Verne war zumindest in seinen frühen Jahren ein Optimist, die Helden seiner Romane sprengten unaufhörlich die Grenzen von Raum und Zeit: sie reisten in die Tiefen der Meere, in das Innere der Erde, sie kurvten in 80 Tagen um die Welt und besuchten sogar den Mond. H.G. Wells dagegen ahnte den janusköpfigen Charakter der technologischen Entwicklung und sah große Konflikte heraufkommen. So schilderte er in "Die Zeitmaschine" die düstere Vision einer fernen Zukunft, an deren Ende eine verwüstete Erde unter einer erlöschenden Sonne bleibt.
In den 20er Jahren wurden Erzählungen zu den Themen Technik und Weltraum vor allem in den USA populär; Hugo Gernsback gründete 1926 das erste reine SF-Magazin "Amazing Stories" und prägte 1929 den Begriff "Science Fiction". Zwar gab es bereits 1916 ein schwedisches SF-Magazin namens "Hugin" und bereits 1851 wurde der Name "Science Fiction" in einem Buch von William Watson erwähnt, dennoch trat die SF erst seit der Zeit Gernsback`s ihren Siegeszug an, auch wenn sich hinter dem Label sehr Unterschiedliches in Stil und Niveau verbarg. In den Pulp-Magazinen der damaligen Zeit tummelten sich glubschäugige Monster und verrückte Wissenschaftler, für die Kritiker war die SF ein Trivialgenre.
In den 30er Jahren begannen die Goldenen Jahre der SF-Literatur, als Herausgeber wie John W. Campbell junge Autoren förderten, die gute Ideen und exakte wissenschaftliche Extrapolationen in ihre Geschichten einbrachten: Sturgeon, del Rey, van Vogt, Asimov, Heinlein und andere prägten diese Ägide. Führendes Magazin war "Astounding".
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren "Galaxy" und "The Magazine of Fantasy und Science Fiction" (F&SF) die Trendsetter. Zahllose Invasionsromane und -filme der 50er Jahre spiegelten die Hysterie der McCarthy-Ära mit ihrer ausgeprägten Kommunistenfurcht wider. Die Entfesselung der Atomkraft schlug sich ebenfalls in den Geschichten nieder, eine Fülle von Post-Doomsday Szenarien wurde geschildert. Die 60er Jahre waren geprägt von einer Erneuerungsbewegung, der "New Wave", deren Vertreter (Ballard, Moorcock, Aldiss) sich von dem "Outer Space",der Weltraum-SF, abwandten und sich auf die Psyche des Menschen, den "Inner Space" konzentrierten. Stilistische und thematische Experimente bestimmten diese Phase. Das herausragende SF-Ereignis dieser Zeit war jedoch Stanley Kubricks Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum", der ein Jahr vor der Mondlandung von Neil Armstrong in die Kinos kam.
Umweltverschmutzung, Überbevölkerung oder die Grenzen des Wachstums waren in der Zeit nach 68 in aller Munde, und die SF machte sich in ihren anspruchsvolleren Werken diese Themen zu eigen: etwa John Brunners "Stand on Zanzibar" oder die Filme "Soylent Green" und "Silent Running".
Die literarische SF stagnierte, interessanterweise waren es vor allem Frauen wie Ursula K. LeGuin, welche zu jener Zeit die herausragenden Romane schrieben. Das Genre erlebte dennoch einen Boom, was dem Rummel um das Weltraummärchen "Star Wars" zu verdanken war. Das Special-Effect-Kino erlebte seine Blüte: "Close Encounters of the third Kind", "Alien", die "Superman"- und "Star Trek"-Filme, "Blade Runner", "Terminator" - glitzernde Weltraumopern wechselten sich mit No Future - Szenarien ab.
1984 begründete William Gibson mit dem Roman "Neuromancer" die Cyberpunk-Bewegung, die Antwort der SF auf die Herausforderungen des Computerzeitalters und der weltweiten Vernetzung. Eine chromglänzende High-Tech-Zukunft stand einer zunehmenden globalen Verelendung gegenüber - in gewisser Hinsicht wurde in diesen Romanen die reale Entwicklung vorweggenommen: nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und der damit verbundenen Bedrohung durch einen nuklearen Holocaust war nicht das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) gekommen, sondern der Beginn einer neuen globalen Unordnung. Ethnische Konflikte und religiöse Fundamentalismen traten wieder auf, die Nationalstaaten verloren gegenüber den Global Players, transnationalen Konzernen, immer mehr an Macht und Einfluß, Seuchen wie Aids, Endzeit-Sekten und Superterroristen verunsicherten die Menschheit. Die Realität verschwand zusehends angesichts Simulationen und virtuellen Wirklichkeiten - was konnte die Science Fiction da noch entgegensetzen? Filme wie "Blade Runner", "Robocop", "Total Recall", "Terminator 2 - Judgement Day", "Jurassic Park", "Waterworld" oder "Independence Day" waren geprägt von Zerstörung und Endzeitvisionen. Weltuntergangspanoramen hatten kurz vor der Jahrtausendwende Hochkonjunktur - die SF reflektierte wieder einmal die realen Ängste der Menschen.
Beschrieb damit die Science Fiction den Geist der Zeit präziser als die sogenannte Mainstream- Literatur, welche hilflos einer postmodernen "Anything goes"- Illusion huldigte, während sich die Welt um uns herum aufzulösen begann. Die SF dagegen berichtet von den Mythen und Ängsten der Moderne, die sich aus den dem Gegensatz zwischen den Bedürfnissen und Trieben des Individuums und den technischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts herleiten. Wird unter diesen Bedingungen an der Schwelle zum 3. Jahrtausend der "21st Century Schizoid Man" (nach einem Song von King Crimson) geboren, ein zerrissener und verzweifelter Mensch, der hinter all den illusionären Mythen von Cyberspace, Genetic Engineering oder Globalisierung den entfremdenden Charakter dieser technisch-ökonomischen Wahnvorstellungen erkennt und nach einer Vision einer menschlichen Welt sucht? Die Träume einer elektronischen Weltintelligenz, eines genetisch perfekten Menschen oder eines global-kapitalistischen Marktes sind letztlich nur Ausgeburten infantiler Phantasien, die sehr schnell in dystopische Horrorvisionen eines von einigen wenigen Konzernen beherrschten globalen Überwachungsstaates umschlagen können, in dem die Erde von geklonten oder psychisch konditionierten Wesen bevölkert ist.
Vor diesem Hintergrund spielt die SF die Rolle eines Rebellen und Ketzers, in ihren Gedankenspielen regt sie zum Hinterfragen der bestehenden Zustände an. Das dritte Millenium beginnt bald, und viele Menschen spüren, daß große Veränderungen bevorstehen. Die Science Fiction reflektiert diese Zukunft; eine Zukunft, die uns gehört, wenn wir es wollen.
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