Faszination Science Fiction von Dr. Robert Hector
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Faszination Science Fiction

Definitionen und Abgrenzungen - was ist Science Fiction?


Science Fiction - wörtlich "Wissenschaftsdichtung" - ist eine Literaturgattung, die sich im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Technik etablierte. Vor allem jüngere Leser stürzten sich auf dieses Genre, um in ihrer Phantasie zu fremden fremden Sternen oder gar in andere Dimensionen zu reisen. Waren es früher abgelegene Dschungelgebiete in Südamerika, in denen die Helden auf vorzeitliche Saurier trafen, so wurden nach der nach der vollständigen Erforschung der Erde zunächst andere Planeten des Sonnensystems oder gar andere Sternensysteme angeflogen. Außerirdische Wesen wurden entdeckt, meist schleimtriefende Monster, die die Erde bedrohen.

Die Science Fiction ist ein Literaturgenre, ähnlich dem Western oder Krimi, das sich in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts zu einer gewissen Eigenständigkeit entwickelt hat. Utopische und phantastische Geschichten wurde bereits vorher geschrieben, aber erst in den Zeiten Hugo Gernsbacks entwickelten sich eigenständige Publikationsformen. Gernsback gab 1926 das Magazin "Amazing Stories" heraus, das den Untertitel "A Magazine of Scientifiction" trug. Unter "Scientifiction" verstand er Stories in der Art von Jules Verne, H.G. Wells und Edgar Allan Poe, Geschichten, die wissenschaftliche Fakten und prophetische Visionen enthalten. John W. Campbell jr., der die SF in den 40er Jahren mit dem Magazin "Astounding Stories" beherrschte, forderte, daß die Science Fiction nicht nur mit gut konstruierten Theorien bekannte Erscheinungen erklären muß, sondern auch unbekannte Phänomene vorhersagen soll. SF-Stories sollen die Auswirkungen der Wissenschaft auf die menschliche Gesellschaft beschreiben. Diese humanistische Auffassung kommt auch bei Theodore Sturgeon zum Ausdruck, der 1951 schrieb: "Eine Science Fiction - Story ist eine Geschichte, die den Menschen im Mittelpunkt sieht, ein menschliches Problem behandelt und eine menschliche Lösung bietet, die aber ohne ihren wissenschaftlichen Gehalt nicht zustande gekommen wäre."

Kingsley Amis, der 1960 die SF-Studie "New Maps of Hell" herausgab, schrieb, daß eine SF-Geschichte Situationen enthält, die nicht nur in der uns bekannten Welt auftreten können, die aber möglich sein werden auf der Basis von wissenschaftlichen und technischen Neuentwicklungen.

Sam Moskowitz, Verfasser von biographischen und historischen Studien über Autoren und Themen, forderte, daß bei den Lesern von SF eine Atmosphäre wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit entstehen soll, sowohl in Physik, Sozialwissenschaften und Philosophie.

Die Betonung bei den meisten Definitionen lag in dem Wort "Science", was in den 60er Jahren von Autoren wie Brian Aldiss und J.G. Ballard heftig kritisiert wurde. Aldiss schrieb 1973 in "Billion Year Spree" ("Der Millionen-Jahre-Traum"): "Science Fiction ist die Suche nach einer Definition des Menschen und seiner Stellung im Universum, die vor unserem fortgeschrittenen und dennoch unsicheren Stand des Wissens bestehen kann."

Der Theoretiker Darko Suvin begreift die SF als ein literarisches Genre, dessen Bedingungen das Vorhandensein und Aufeinanderwirken von Verfremdung und Erkenntnis sind, und dessen Hauptmerkmal ein imaginativer Rahmen ist, der eine Alternative zur empirischen Umwelt des Autors darstellt.

Leslie Fiedler schrieb 1965, daß der Mythos der SF der Traum der Apokalypse ist, der Mythos vom Ende des Menschen, von der Transzendenz und Transformation des Menschlichen - eine Vision, die sich sehr unterscheidet von der Auslöschung unserer Rasse durch die Bombe.

Viele andere versuchten sich an einer Defintion, drei Kernpunkte bleiben übrig: die SF beschäftigt sich mit der Ausweitung wissenschaftlicher Erkenntnis (wobei Wissenschaft nicht nur Naturwissenschaft bedeutet) und technischer Fähigkeiten sowie deren Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft. Weiterhin untersucht sie die Bedeutung und Stellung des Menschen im Universum. Ein SF-Werk kann dabei prophetischen Charakter haben (wie Jules Vernes Beschreibung einer Mondreise oder die diversen Geschichten zu Unfällen in Atomkraftwerken, die weit vor Harrisburg und Tschernobyl erschienen), oder eine Warner-Funktion erfüllen, indem es auf mögliche negative Entwicklungen aufmerksam macht, beispielsweise in den Bereichen Computer- und Gentechnologie.

Natürlich gibt es enorme Qualitätsunterschiede, wie die infantilen Machtphantasien der Lohnschreiber der Gernsback-Ära mit ihren ekelerregenden Monstern und muskelprotzenden Supermännern auf der einen Seite und den ernstzunehmenden Dystopien eines Huxley oder Orwell auf der anderen Seite zeigen, aber das entscheidende Merkmal ist die Beschäftigung mit der Zukunft, die letztlich durch unsere heutiges Handeln und Denken bestimmt wird.

Aus dem oben Gesagten folgt auch die Abgrenzung der SF gegenüber anderen Bereichen der Phantastik, die in diesem Buch nur am Rande besprochen werden. Nicht zum engeren Bereich der SF gehören der Mythos (obwohl einige Autoren im Gilgamesch-Epos oder Mahabharata Vorläuferformen der SF sehen), das Märchen, der weite Bereich der Horrorliteratur und die Fantasy, Geschichten mit märchenhaftem Charakter ohne Bindung an logische Gesetze. Eine Mischform stellt die "Science Fantasy" dar; in diese Sparte fallen Geschichten, die in einem Universum mit anderen Gesetzen als den uns bekannten spielen.

Die Science Fiction, die in diesem Buch erörtert wird, läßt sich in "Hard-SF" und "Soft-SF" unterteilen. Die Hard-SF behandelt Themen aus den Bereichen Physik, Astronomie, Chemie, Biologie, Mathematik und aus den sich aus diesen Wissenschaften ableitenden Technologien (Raumfahrt, Computer, Gen-Engineering). Die Soft-SF beschäftigt sich mit Themen aus de Bereichen Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaft, Theologie, Linguistik, Anthropologie; hierin fallen Utopien, Dystopien sowie die "Inner Space"-Geschichten.

Die Science Fiction handelt von der Zukunft, sei es mit Zukunftshoffnungen der Menschheit wie der Eroberung der Sterne, der Ausrottung von Krankheiten oder der Errichtung einer gerechten Gesellschaft, sei es mit Zukunftsängsten wie totalitäre Überwachungstaaten, geklonten Armeen, Superterroristen oder Atomkriegen.

So ist die SF ein sensibler Sensor wissenschaftlichen Fortschritts und menschlicher Ängste, aber auch ein Indikator menschlicher Träume von einer besseren Zukunft. So gesehen ist es die aktuellste Zeitgeistliteratur die es gibt, aber auch ein Forum, in dem die ewigen Fragen der Menschheit und des Kosmos reflektiert werden.


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