Faszination Science Fiction von Dr. Robert Hector
Light-Edition / Übersicht


Faszination Science Fiction

SF und Futurologie - Blick ins 21. Jahrhundert


An der Schwelle zum dritten Jahrtausend blühen die Phantasien der Propheten und Zukunftsforscher. Steht ein High-Tech-Utopia vor uns, oder droht der Menschheit ein apokalyptisches Desaster? Wird die computervernetzte Erde zu einem globalen Dorf, in dem sich die Menschheit zu einem friedlich miteinander kommunizierenden Gemeinschaft zusammenschließt, oder kommt es zu einem kriegerisch ausgetragenen "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington)? Da stehen auf der Seite die Fortschritte der Computer-, Kommunikations- und Gentechnologie, aber auf der anderen Seite entwickelt sich eine gefährlich labile Weltordnung, in der nichts mehr sicher ist. Die Globalisierung der Wirtschaft führt zu dramatischen Umwälzungen in den etablierten Industrienationen, Arbeitsplätze und Renten sind nicht mehr sicher, die Staatskassen sind leer und die Unternehmer auf der Flucht in Billiglohnländer.

Visionen über die Zukunft faszinierten die Menschen seit jeher. Die oft zweideutigen Orakelsprüche von Delphi griffen zuweilen sogar in das Räderwerk der Geschichte ein. Jahrhunderte später entwickelte der Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci Flugmaschinen, Fallschirme und Turbinen. Der Mönch Roger Bacon hatte Ideen von Schienenfahrzeugen und Automobilen, und der Astronom Johannes Kepler schmiedete Pläne für eine Mondlandung.

Die Erfindung der Dampfmaschine leitete die industrielle Revolution ein, und in der Folgezeit etablierte sich die Science Fiction (zunächst noch unter anderen Namen) als literarisches Genre. Vieles, was Wissenschaftler und Techniker im 20. Jahrhundert hervorbrachten, war bereits von phantasievollen Autoren vorgedacht worden: U-Boote, Raumschiffe, Roboter oder Wolkenkratzer. Edgar Allan Poe beschrieb um 1840 einen Menschen, dessen Körper fast komplett aus künstlichen Organen bestand. Kurze Zeit später veröffentlichte der Franzose Emile Souvestre eine Zukunftsvision aus dem Jahr 3000: "Le Monde tel qu`il sera". Zwar fliegen hier keine Raumkreuzer zu fernen Sternensystemen, aber es gab vollmechanisierte Fabriken, unterirdische Straßen, Fernsehen und Wettermacher.

Während Jules Verne noch einem zukünftigen Techno-Paradies schwärmte, sah H.G. Wells die Entwicklung etwas pessimistischer. In "The World set free" werden die verheerenden Auswirkungen der Atombombe beschrieben. In Huxley`s "Schöne neue Welt" und Orwell`s "1984" bündelten sich die Ängste eines Zeitalters, und die Atombombenexplosionen über Hiroshima und Nagasaki wurden zu Kainsmalen der Wissenschaft. Der Sputnik und die erste Landung eines Menschen auf dem Mond ließen die Menschen zwar von Kolonien um Weltraum und Städten auf dem Mars träumen, aber als der Club of Rome 1972 die "Grenzen des Wachstums" aufzeigte und ein Jahr später die Ölkrise für autofreie Sonntage sorgte, kehrte Ernüchterung ein. Schrumpfende Rohstoff- und Wasserreserven, leergefischte Ozeane, übervölkerte Drittweltländer mit Millionen Hungernden, sich ausbreitende Wüsten, abgeholzte Regenwälder oder der Treibhauseffekt ließen eine No Future - Stimmung aufkommen. Propagierten SF-Filme wie "2001" oder "Krieg der Sterne" noch die technologische Machbarkeit aller Dinge, so spiegelten Werke wie "Silent Running", "Blade Runner" oder "Waterworld" die negativen Folgen einer falsch geleiteten technologischen Evolution wider.

Auch die Fortschritte der Gen- und Computertechnologie lassen Zweifel aufkommen. Ob sich Krebs und Aids, Hunger und Erbkrankheiten, Mißernten und Schädlinge durch Genmanipulationen aus der Welt schaffen lassen, erscheint fraglich, ebenso, ob in einer erdumspannenden Medien- und Informationsgesellschaft jedermann leichten Zugriff auf alle verfügbaren Daten erhält. Von der globalen elektronischen Vernetzung wird vor allem eine kleine Informationselite profitieren, welche über das Expertenwissen zur Beherrschung der neuen Technologien und über die notwendigen Geldmittel verfügt. So könnte aus der zunehmenden Vernetzung der Gesellschaft eine Diktatur der Experten werden.

Verbesserte Kommunikations- und Verkehrstechnologien waren eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung einer globalen Ökonomie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Doch das neoliberale Globalisierungsspiel führte zu Polarisierungen in den Gesellschaften. Die Staaten, die einst um Verteilungsgerechtigkeit und sozialen Frieden bemüht waren, degenerierten zu bloßen Verwaltern von Wirtschaftsstandorten und mußten dafür sorgen, den "Global Players" möglichst optimale Standortbedingungen zu bieten. Die Arbeitnehmer in den alten Industrieländern mußte durch die weltweite Konkurrenz aus den Billiglohnländern um ihre Arbeitsplätze fürchten. Gewinner des Spiels wurden die transnationalen Konzerne, die eine neue Weltordnung errichteten. So drohte eine Zukunft, die den düsteren Endzeitszenarien von SF-Filmen wie entstammen schien: Während die Konzerne die Welt regieren und ihren Belegschaften ein luxuriöses Leben in abgeschirmten Wohlstandsinseln garantieren, werden Arbeitslose, Aussteiger, Kriminelle oder rebellierende Leistungsverweigerer in abgelegene Homelands verfrachtet, wo sie ein jämmerliches Dasein fristen. Der Aufstand der Entrechteten scheint da vorprogrammiert...

Aber es gibt natürlich auch positive Utopien. Im "Delphi-Bericht 1995 zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik" prognostizierten 900 deutsche Spitzenforscher aus Wirtschaft und Wissenschaft, ob und wann technologische Durchbrüche in den nächsten 25 Jahren gelingen. Untersucht wurden Bereiche wie die Mikrosystemtechnik, Computer- und Kommunikationstechnik, Medizin und Gentechnolgie, Solarenergie oder Klimakunde. So werden erwartet das Bildtelefon im Miniformat als Kombination aus Telefon, Faxgerät, Computer und Video, Mikrosonden, welche Blutgerinnsel in Gefäßen beseitigen, Tansistoren in Atomgröße, Mikroprozessoren, welche lebende Zellen als Energiespender benutzen, Durchbrüche bei der Krebsbekämpfung, künstliche Muskeln und Gelenke, die durch das körpereigene Nervensystem gesteuert werden, Augenersatzgeräte mit Anschluß an das Nervensystem. Der Sonnenenergie scheint die Zukunft zu gehören: Beim Hausbau wird der Einbau von Solarzellen in Dächer und Fassaden zum Standard, Elektroautos fahren mit Solarstrom, Strom aus der Wüste kommt mittels Supraleiter in die Industrieländer, Solarkraftwerke im Weltraum versorgen die Menschheit mit Strom, der durch elektromagnetische Wellen zur Erde gelangt, und weltweit wird in großem Maßstab photovoltaisch Wasserstoff erzeugt. Große Strommengen können in neuen Energiespeichern, die mit Supraleitern arbeiten, gelagert werden, und mit ebendiesen Supraleitern läßt sich Strom ohne Energieverlust über lange Wege transportieren. Fahrzeuge fahren vollautomatisch mit Hilfe von Bordcomputern, die sämtliche Bewegungen steuern, Magnetschwebebahnen erlauben hohe Reisegeschwindigkeiten, und Raumschiffe mit Magnet-Rückstoß-Antrieb steuern ferne Planeten an. Maschinen können einfache Gegenstände selbständig identifizieren, Computer können vollautomatisch Texte in andere Sprachen übersetzen oder Bücher und Dokumente selbständig auswerten und zusammenfassen, ebenso errechnen sie die Molekularstruktur neuer Substanzen nach Vorgabe der gewünschten Eigenschaften.

Die Realisierung solcher technologischer Träume hängt von verschiedenen Faktoren ab: von der Innovationsfähigkeit der Unternehmen, von der ökonomischen Umsetzbarkeit, und nicht zuletzt von der Akzeptanz in der Bevölkerung. Nicht immer sind solche Durchbrüche wie beim Fax, Video oder der CD zu erwarten.

Auf der anderen Seite gibt es unermüdliche Warner, die auf die Gefahren unserer Wachstumsideologie hinweisen. Die globale Wettbewerbsökonomie geht nicht nur auf Kosten derjenigen, die ihr Leben als Arbeitslose fristen müssen, sondern auch auf Kosten der Umwelt. So nimmt weltweit die Fläche fruchtbarer Böden ab, Boden wird zersiedelt, abgeschwemmt, vergiftet. Dabei hängt vom Boden die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung ab. Dem Klimaschutz wird eine entscheidende Rolle zukommen; die Erwärmung der Erde durch den Treibhauseffekt kann zu katastrophalen Folgen führen. Das Gleiche gilt für die Erschöpfung des Genpools: mit den Tier- und Pflanzenarten, die im Regenwald und anderswo ausgelöscht werden, gehen Schätze von unersetzlichem Wert verloren. Hinzu kommt die Überbevölkerung in den Entwicklungsländern und der verschwenderische Energie- und Rohstoffhunger der Industrienationen.

Angesichts solcher Bedrohungen ist es kein Wunder, daß die nahende Jahrtausendwende Endzeitgefühle auslöst. Die Werte der westlichen Zivilisation werden konfrontiert mit den Werteordnungen des Islam, Chinas und der übrigen ost- und südostasiatischen Länder sowie auch Indiens. Unsere Vorstellungen von Demokratie, Menschenrechten, Fortschritt usw. korrespondieren nicht unbedingt mit denen dieser Länder. Und die Bombenattentate auf Wolkenkratzer oder Giftgasanschläge in U-Bahnen haben gezeigt, daß fanatische Individuen oder Kleingruppen mit dem heute zur Verfügung stehenden Arsenal an konventionellen und ABC-Waffen verheerenden Schaden anrichten können.

So bleiben alle Prognosen für das 21. Jahrhundert Kaffeesatzleserei. Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, wir können sie allenfalls erfinden.


Vorige Seite zur Übersicht Nächste Seite

© Dr. Robert Hector
Light-Edition: http://www.Light-Edition.net/