Faszination Science Fiction von Dr. Robert Hector
Light-Edition / Übersicht


Faszination Science Fiction

Zusammenfassung und Ausblick


Mit der Science Fiction hat sich eine facettenreiche Welt aufgetan, die von den fernen Tiefen des Kosmos bis ins Innerste unserer Psyche reicht, ja sogar fremde Dimensionen und andere Realitäten streifte.

Die Beschäftigung mit exotischen Welten, Menschhheitsträumen und der Zukunft reicht zurück bis zu den Ursprüngen der menschlichen Kultur: das babylonische Gilgamesch-Epos, Homers Odyssee, das indische Heldenepos Mahabharata, Dantes Göttliche Komödie, die großen Sozialutopien von Platon, Morus, Campanella oder Mercier, die phantastischen Erzählungen des 18. und 19. Jahrhunderts, in Frankreich "Voyges imaginaires", in England "Gothic Novel" und in Deutschland "Schwarze Romantik" genannt, sind Beweise dieser Bestrebungen, ebenso wie Mary Shelley`s "Frankenstein"- Mythos und Poe`s beklemmende Horrorgeschichten, die die Leser mit dem eigenen Ich konfrontierten.

Die Science Fiction als eigenständiges Genre entstand aber erst, als die reale naturwissenschaftlich-technische Entwicklung Einzug in das Alltagsleben der Menschen hielt. Verne`s frühe Romane kündeten noch von einem ungebrochenen Zukunftsoptimismus, während Wells diese Entwicklung bereits kritisch hinterfragte und deren Konsequenzen für Gesellschaft und Individuum analysierte.

In den Jahren 1890 bis 1920 schilderten Autoren wie Kipling, Haggard, Doyle und Burroughs phantastische Reisen in exotische Welten wie den archetypischen Dschungel oder das geheimnisvolle Erdinnere.

Drucktechnische Erfindungen und ein ausgedehntes Vertriebssystem ließen es zu, Unterhaltungsliteratur für die breite Masse der Bevölkerung herzustellen, die in der Zwischenzeit auch des Lesens und Schreibens kundig war. Auf billigem, holzhaltigem Papier gedruckte Pulp-Magazine füllten die Zeitungsstände jener Tage, die Pulps waren angefüllt mit Liebes-, Western-, Dschungel- und Abenteuergeschichten. Auch technisch orientierte Zukunftsgeschichten waren darunter, und als Hugo Gernsback 1926 in seinem Magazin "Amazing Stories" nur solche futuristischen Stories brachte, hatte die Geburtsstunde der modernen Science Fiction geschlagen. Die teils entsetzliche Qualität der Erzählungen in diesen Magazinen sorgte dafür, daß die SF als Schund bezeichnet wurde und das Genre in ein Ghetto gedrängt wurde, welches allerdings von Enthusiasten mit erstaunlicher Energie am Leben erhalten wurde.

Neben diesen Pulps wurden in den 30er Jahren Comic Strips in Zeitschriften und Zeitungen sowie Comic-Bücher populär. "Flash Gordon", "Buck Rogers" und "Superman" waren die prominentesten Figuren, später folgten weitere Superhelden, vor allem in den Marvel-Comics. Die jungen Leser bevorzugten diese Comics bald gegenüber den Pulps. Flash Gordon und Buck Rogers wurden auch in Film-Serials vermarktet, die als Vorfilm in den Kinos liefen. Solche Film-Serials können als Vorläufer späterer SF-Fernsehserien betrachtet werden.

Zwischen 1938 und 1950 hatte die Science Fiction ihr "Goldenes Zeitalter", was insbesondere das Verdienst von JohnW. Campbell war. Als Herausgeber des Magazins "Astounding" suchte er Autoren, die ihm anspruchsvolle Geschichten über technologische Fortschritte und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft schrieben. Die Primitiv-Stories über Bug-Eyed-Monsters, Mad Scientists, unglaubwürdige Erfindungen und gigantische interstellare Raumschlachten wurden damit abgelöst. Autoren wie Heinlein, Asimov und Clarke schrieben unter Campbell.

Trotz dieser Qualitätsverbesserung wurde die SF weiterhin von der Kritik als trivial bezeichnet. Einzig die Dystopien von Huxley, Capek, Orwell oder die kosmologischen Dramen Stapledon`s fanden Anerkennung.

Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die den Zweiten Weltkrieg beendeten, veränderten das Gesicht der Welt. Da war die Angst vor der alles vernichtenden Bombe, das war die Angst vor dem neu entstandenen Feind im Osten. Diese Paranoia kam vor allem in den Invasions- und Monsterfilmen der 50er Jahre zum Ausdruck, die allesamt ein Abbild des Kalten Krieges waren. Daneben aber verhießen technische Neuerungen wie der Transistor, Düsenjets, das Fernsehen oder die ersten künstlichen Erdsatelliten das Paradies auf Erden. In Magazinen wie "Galaxy" oder "The Magazine of Fantasy and Science Fiction" wurden diese Ängste und Träume literarisch verarbeitet. Beide Magazine erschienen im Digest-Format, die Pulps waren Ende der 40er Jahre vom Markt verdrängt worden, das Taschenbuch befand sich auf dem Vormarsch.

Langsam kündigte sich eine Erneuerungsbewegung in der literarischen SF an. Bereits Alfred Bester verwendete in seinen Romanen der 50er Jahre psychedelischen Sequenzen, und im Zuge einer geistigen Neuorientierung in den 60er Jahren, in der bestehende gesellschaftliche Strukturen in Frage gestellt und nach neuen Lebensinhalten und Stilen gesucht wurde, entstand von Großbritannien ausgehend die "New Wave". Vertreter dieser Richtung wie Ballard, Moorcock und Aldiss wandten sich von der Weltraum-SF ab und konzentrierten sich auf die Psyche des Menschen. Sie experimentierten mit neuen Stilen und Themen, die Handlung verlief nicht mehr unbedingt linear, teilweise gab es gar keine Handlung mehr.

Auch im Film gab es Neuentwicklungen: "Barbarella" griff das Tabuthema Sex auf, und 1968 setzte Stanley Kubrick mit seinem Meisterwerk "2001 - A Space Odyssee" neue Maßstäbe. Der Film über einen interplanetaren Raumflug, der in einer phantastischen psychedelischen Reise endet, war ein visuelles Erlebnis mit glänzenden optischen Happenings, und paßte in die Zeit der Drogen- und Hippiebewegung.

Auch SF-orientierte Rockmusik wurde populär, die Songs von Jefferson Airplane, Greatful Dead, Jimi Hendrix oder Pink Floyd stellten aber eher verschleierte Drogenerlebnisse dar.

Eine Internationalisierung der SF fand statt, wobei aber fast überall auf der Welt der Markt durch Übersetzungen amerikanischer oder gelegentlich auch britischer Autoren bestimmt wurde. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Ostblockstaaten (Sowjetunion: Jefremov, Gebrüder Strugatzki; Polen: Lem) mit einer relativ eigenständigen phantastischen Literatur. Worldcons wurden inzwischen in außeramerikanischen Städten wie London, Brighton, Heidelberg und Melbourne abgehalten, regelmäßige SF-Treffen finden in Ländern wie Frankreich, Italien und Irland statt.

Frauen begannen in die Männerdomäne SF einzubrechen und prägten ihren Zukunftsgeschichten einen eigenen Stempel auf, beispielsweise Ursula K. LeGuin, Anne McCaffrey oder Doris Lessing.

SF wurde auch im Erziehungswesen populär: SF-Romane wurden als Schullektüre verwendet, an Colleges und Universitäten wurden SF-Kurse abgehalten.

Der SF-Film wurde extrem populär. Während vor 1970 nur wenige SF-Filme allgemeine Erwähnung fanden (Metropolis, This Island Earth, 2001) setzte Mitte der 70er Jahre mit "Star Wars" ein wahrer Boom ein. Einige Jahre vorher gab es mit "A Clockwork Orange" von Kubrick und "Solaris" von Tarkowski zwei von der Kritik hoch gelobte Romanverfilmungen, nun wurden die Zuschauer durch wahre Orgien von Special Effects in Traumländer entführt. Die Handlung dieser Machwerke entsprach jedoch denen der Pulps der 30er Jahre, und so waren für viele anspruchsvolle SF-Fans die Fortsetzungs-Sagas um Star Wars, Star Trek, Superman oder Battlestar Galactica eine herbe Enttäuschung. Aber diese Filme wurden mit einem gewaltigen Werbeaufwand auf den Markt geschleudert, mit Hilfe der Unterhaltungsindustrie entstanden in einem Medienverbund parallel zum Film Bücher, Spielzeuge, T-Shirts, Plastikpuppen und sonstiger Ramsch.

Daneben gab es allerdings auch exzellente Filme wie "Blade Runner" oder "Alien"

Im Vergleich zum Film ist die Anhängerschaft der SF-Literatur zahlenmäßig geringer, dafür aber um so treuer. In den 70er Jahren wurde die Hard-SF wieder populär, auch bedingt durch den Umstand, daß gestandene Naturwissenschaftler wie Benford, Brin oder Sagan SF schrieben. So konnten gegenwärtige Erkenntnisse in durchaus realistischer Weise in den Romanen extrapoliert werden. Daneben hat sich durch die Entwicklung der Computerwissenschaften eine neue Richtung in der SF herausgebildet, die die Interaktion Mensch/Computer thematisiert: der Cyberpunk.

Unterdessen lehnten sich auf Werbung, Graphik und Design an der SF an, Computer- und Videospiele haben oft futuristischen Charakter, viele Kinderspielzeugen scheinen Zukunftsfilmen zu entstammen.

Wie sieht die Zukunft der Science Fiction aus? Um die Themen der SF-Romane der Zukunft braucht man sich keine Sorgen zu machen, die ergeben sich in Wechselwirkung mit der aktuellen gesellschaftlichen und technisch-wissenschaftlichen Entwicklung sowie dem jeweiligen "Zeitgeist". Waren die Erzählungen der Vorkriegszeit noch von einer technischen Euphorie und Allmachtsphantasien bestimmt, so reflektierten die Romane der 50er Jahre die sich aus den Folgen der Atombombenabwürfe und Zweiteilung der Welt resultierenden Ängste. Die experiementellen Werke der New Wave waren Folge de Aufbruchstimmung der 60er Jahre, die ökologisch-pazifistisch ausgerichteten Romane die Konsequenz der Ernüchterung der 70er Jahre, die sich durch Stichworte wie "Grenzen des Wachstums", "Ölkrise" oder "Umweltverschmutzung" bemerkbar machte. Die 80er Jahren brachten den Durchbruch der Personalcomputer und der Kommunikationstechnologie, zugleich zeigten sich erregende Perspektiven in Grundlagenwissenschaften wie der Kosmologie und Elementarteilchenpysik. Die Cyberpunk-Bewegung und die Erneuerung der Hard-SF reflektierten diese Entwicklungen.

Während die SF-Literatur lange Zeit der "Schrittmacher" des gesamten Genres war, hinkte die Entwicklung des SF-Films lange Zeit hinterher. Werke wie Metropolis, 2001 oder Blade Runner waren Ausnahmeerscheinungen, das Gros der SF-Filme hat die Qualität der Pulps und versuchte diesen Umstand durch raffinierte Special Effects auszugleichen.

Science Fiction kann mehr sein als ein "amerikanisches Märchen", mehr als Wildwestgeschichten im Weltraummilieu. Das Genre kann gegenwärtige wissenschaftlich-technische und gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren und in die Zukunft projezieren und eventuelle Fehlentwicklungen und Alternativen aufzeigen. Es kann sich von der Wissenschaft inspirieren lassen, umgekehrt aber auch die Wissenschaft mit Phantasie versorgen. Und genauso wie sich die Wissenschaft fortentwickeln wird (es sei denn, die Menschheit löscht sich selbst aus), denn jede Antwort auf ein Rätsel der Natur wirft zehn neue Fragen auf, wird sich auch die Science Fiction fortentwickeln, auch wenn sie vielleicht eines Tages dieses Etikett nicht mehr tragen sollte. Gewisse Tendenzen sprechen dafür, daß sich SF und Mainstream-Literatur aufeinander zubewegen, auch die "Hohe Literatur" hat die Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik für unsere Welt inzwischen erkannt. Doch die Inhalte der SF werden weiterexistieren, denn die Zukunft ist schließlich ein Thema, das die Menschheit von Beginn ihrer Existenz an fasziniert hat.


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